Wenn mich heute jemand fragt, was EX-IN mit mir gemacht hat,
dann könnte ich sagen: Es hat mich zur Genesungsbegleiterin gemacht. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Die eigentliche Antwort ist viel persönlicher.
EX-IN hat mir einen Spiegel vorgehalten. Einen liebevollen. Einen ehrlichen. Und manchmal auch einen schmerzhaften. Ich bin schon immer ein Mensch gewesen, der nach außen selbstbewusst wirkt. Ich kann vor Menschen sprechen, Verantwortung übernehmen, Projekte entwickeln und für andere einstehen. Viele erleben mich als stark.
Was ich während der Ausbildung aber verstanden habe, ist, dass Selbstbewusstsein und Selbstwert zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Ich wusste, wer ich bin. Aber ich wusste nicht, ob ich mich selbst für wertvoll halte.
Diese Erkenntnis hat mich tief getroffen.
Im Laufe der Ausbildung habe ich begonnen zu verstehen, was jahrzehntelange Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen mit einem Menschen machen können. Nicht unbedingt laut oder offensichtlich. Sondern leise. Fast unbemerkt.
Wenn einem immer wieder vermittelt wird, dass man irgendwie „anders“ ist, nicht ganz dazugehört oder sich doppelt beweisen muss, dann hinterlässt das Spuren.
Nicht nur im Kopf. Sondern im Selbstwert.
Mir ist bewusst geworden, dass ich viele Jahre damit verbracht habe, meinen Wert über Leistung zu definieren. Über das, was ich schaffe. Über das, was ich für andere tue. Über das, wie sehr ich funktioniere.
Aber nicht einfach darüber, dass ich da bin. Dass ich genüge.
EX-IN hat diesen Prozess nicht ausgelöst. Die Wunden waren schon lange da.
Aber EX-IN hat mir einen Raum gegeben, in dem ich sie endlich anschauen durfte.
Was mich dabei besonders berührt hat, war unsere Gruppe. Da waren Menschen mit völlig unterschiedlichen Lebensgeschichten. Unterschiedlichen Diagnosen. Unterschiedlichen Erfahrungen.
Und trotzdem entstand etwas, das ich nur schwer in Worte fassen kann.
Vertrauen.
Ehrlichkeit.
Ein Miteinander, in dem niemand perfekt sein musste.
Ich musste nichts verstecken.
Ich musste niemandem etwas beweisen.
Ich durfte einfach ich sein.
Und genau das war unglaublich heilsam.
Recovery bedeutet für mich heute nicht mehr, wieder die zu werden, die ich einmal war.
Recovery bedeutet, die zu werden, die ich immer schon gewesen bin; nur ohne die Schichten aus Scham, Angst, Anpassung und Selbstzweifeln, die sich im Laufe meines Lebens darübergelegt haben.
Mein Selbstwert kommt nicht plötzlich zurück.
Er wächst. Langsam.
Manchmal in kleinen Schritten. Manchmal mit Rückschritten.
Aber er wächst.
Und genau deshalb möchte ich als Genesungsbegleiterin arbeiten.
Nicht, weil ich Antworten auf alles habe. Sondern weil ich weiß, wie es sich anfühlt, sich selbst zu verlieren.
Und weil ich inzwischen auch weiß, wie es sich anfühlt, sich Stück für Stück wiederzufinden.
Vielleicht ist genau das Empowerment.
Nicht stark zu sein.
Sondern den Mut zu haben, sich selbst wieder ernst zu nehmen. Sich selbst wieder zuzuhören.
Und irgendwann zu erkennen:
Ich bin nicht wertvoll, weil ich etwas leiste.
Ich bin wertvoll, weil ich ein Mensch bin.
Wenn EX-IN mir eines geschenkt hat, dann genau diese Erkenntnis.
Und ich glaube, dass dieses Geschenk erst der Anfang meiner Reise ist.